Aktenvortrag im Assessorexamen

Home Nach oben

 
Ralf Hansen
 
Einen Vortrag üben, heißt ihn halten"!

Eine Rezension zu:

Bernd Müller - Christmann

Der Kurzvortrag in der Assessorprüfung

3. Auflage

Reihe: Examenskurs für Rechtsreferendare

München: C.H. Beck, 2000, 59 S., DM 26,00,-
ISBN 3-406-46832-2


http://www.beck.de


Der freie Vortrag aus Akten steht am Beginn der mündlichen Prüfung in nahezu allen deutschen Bundesländern außer Bayern. Die Vorbereitungszeit ist unterschiedlich, in NRW ist es eine Stunde. Der Vortrag selbst darf 10 - 12 Minuten nicht überschreiten. Er ist frei zu halten. Ein Ablesen ist nicht erlaubt. Innerhalb der Kürze der Vorbereitungszeit ist es grds. auch nicht möglich, eine derartige Ausarbeitung zu erstellen. Es dürfte außer Zweifel stehen, daß der Aktenvortrag geeignet ist, die Prüfungskommission für oder gegen den Kandidaten einzunehmen. Immerhin macht der Aktenvortrag in NRW 10% des "Prüfungsvolumens" aus, beeinflußt also das Endergebnis nicht unerheblich. Angesichts des Einflusses auf die Endnote übt der Aktenvortrag daher auf die Kandidaten einen erheblichen (physischen und psychischen) Druck aus, den der Verfassermit seiner Schrift etwas reduzieren will, die den Aktenvortrag im Zusammenhang behandelt und alle drei Rechtsgebiete erfaßt, aus denen der Aktenvortrag typischerweise stammt.

Umfangreiche Akten sind hier aus Zeitgründen nicht zu erwarten. Kurzaktenvorträge enthalten daher meist mehr oder weniger übersichtliche Fälle. Die Referendarin und der Referendar sollen insbesondere zeigen, daß sie die Relationsmethode beherrschen, einen Tatbestand schildern und in kurzer Zeit zu einer angemessenen Lösung mit konkretem Entscheidungsvorschlag kommen können. Jede denkbare Entscheidungsform kann Gegenstand des Aktenvortrages sein. Der Band von  Müller -Christmann zeichnet sich auch dadurch aus, daß er diese Bandbreite vermittelt. Es wird deutlich, daß Aktenvortrag und Votum viel gemeinsam haben. Der Verfasser rät zu ständiger Übung, zu einer klaren und deutlichen Satzbildung ohne Effekthascherei und zu einem klaren Aufbau. Hinweise zur Zeiteinteilung lehnt er im Gegensatz zu vergleichbaren Publikationen ab, da die Arbeitsweise individuell zu verschieden sei. Es dürfte aber sinnvoll sein, die Zeit so zu nutzen, daß man sich den Aktenvortrag wenigstens einmal vorher selbst im Stillen gehalten hat. Er rät auch dazu, die Angaben auf dem Stichwortzettel knapp zu halten und ihn so wenig wie möglich zu benutzen. Jedenfalls dürfte dem Referendar, der noch keinen Aktenvortrag gehalten hat, nach der Lektüre klar sein, welchen Leistungen erwartet werden und worauf zu achten ist. Der Verfasser hält sich denn auch nicht lange mit allgemeinen Ausführungen auf, sondern behandelt nach Darlegungen der Gemeinsamkeiten recht eingehend die Unterschiede zwischen den Aktenvorträgen im Zivilrecht, im Strafrecht und im öffentlichen Recht.

Die Aufbauhinweise etwa zum zivilrechtlichen Aktenvortrag sind überaus nützlich, da der Vortrag hier einen üblichen Aufbau mit wenig Variationsmöglichkeiten aufweist: Einleitung, Sachbericht, Vorschlag, Entscheidungsgründe, Tenor. Im Sachbericht rät der Verfasser sich auf den wesentlichen Tatsachenkern zu beschränken und in den Entscheidungsgründen nach Möglichkeit den Urteilsstil zu wählen. Im Gegensatz zu anderen Autoren hält er den strafrechtlichen Aktenvortrag für schwieriger als den zivilrechtlichen Vortrag. Zwar sei die Themenauswahl geringer, aber die Art der Aktenvorträge sei zu unterschiedlich, um einem Referendar einheitliche Aufbauregeln an die Hand geben zu können. Indessen ähneln die notwendigen Bestandteile dem zivilrechtlichen Aktenvortrag, sie sind jedoch bei den typischen Aufgabenstellungen entsprechen zu modifizieren. Der Verfasser nennt die typischen Aufgabenstellungen - bei denen Fälle im Stadium des Ermittlungsverfahrens häufig anzutreffen sind - und gibt praktische Tips zu deren Bewältigung Ähnlich konkret sind die Ausführungen zum Aktenvortrag im öffentlichen Recht, dessen Bandbreite bereits durch die möglicherweise geforderten Entscheidungen verfahrensrechtlich vorgezeichnet sind. Eingestreut sind zahlreiche Bespiele und Formulierungshilfen.

Der Übungsteil enthält fünf Aktenvorträge. Der Verfasser fordert dazu auf, diese Fälle nicht nur durchzuarbeiten, sondern die Vorträge auch zu halten. Drei Vorträge stammen aus dem Zivilrecht, je einer aus dem Straf - und öffentlichen Recht. Das Niveau ist relativ hoch, den Examensanforderungen daher auch vollständig angemessen. Bei den Lösungen handelt es sich ausdrücklich um Lösungsvorschläge. Andere Lösungen sind denkbar, sollten sich aber im Assessorexamen an der höchstrichterlichen Rechtsprechung orientieren, die allerdings auch nicht immer einheitliche Lösungskonzepte aufweist. Das Hauptgewicht des ersten Falles liegt im Mietrecht. Fall 2 behandelt zwangsvollstreckungsrechtliche Materien. Fall 3 behandelt wichtige Probleme des Firmenrechts, des Anerkenntnisses und der Kostenentscheidung nach § 93 ZPO. Fall 4 hat ein abschlußreifes Ermittlungsverfahren zum Gegenstand. Gefordert ist die Entscheidung der Staatsanwaltschaft nach § 170 StPO, die nach dem Vorschlag zur Einstellung des Ermittlungsverfahrens wegen Betruges führt. Fall 5 enthält einen sehr interessanten polizeirechtlichen Aktenvortrag. Alle Lösungsvorschläge werden abschließend kommentiert. Auch hier finden sich interessante Hinweise.

Der Examenskurs führt in ausgezeichneter Weise in die Probleme des Aktenvortrags ein und ist eine exzellente Hilfe bei der Vorbereitung von Aktenvorträgen.