Fälle zur Kriminologie

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Ralf Hansen

Eine vielgesuchte Fallsammlung

Eine Rezension zu:

Ulrich Eisenberg

Kriminologie
Jugendstrafrecht
Strafvollzug

Fälle und Lösungen zu Grundproblemen


7. Auflage
München: F. Vahlen, 2003, 304 S., 29,00,- Euro
ISBN 3-406-3010-9

http://www.beck.de

Auf Mailinglisten und Diskussionsforen für angehende Juristen und Diskussionsforen im WWW taucht immer gern die Frage auf, ob es für den Bereich Kriminologie und verwandte Bereiche (der Zuschnitt der betreffenden Wahlfachgruppe schwankt im Ländervergleich) keine interessante Fallsammlung gibt. Diese Fallsammlung aus der Feder eines der führenden deutschen Kriminologen gibt es seit langem und sie liegt jetzt wieder in einer aktualisierten Neuauflage vor. Vieles wurde verändert, musste angepasst werden an veränderte Gesetzeslagen und geänderte Rechtsprechung. Die leicht angestiegene Seitenzahl zeigt, dass diese Auflage erneut von Vertiefungen und Aktualisierungen gekennzeichnet ist. Eine Klausur wurde fast vollständig neu verfasst. Die Klausurlösungen wurden  jetzt um besserer Übersichtlichkeit willen mit Zwischenüberschriften versehen. Das Buch will aber nicht nur Fallsammlung sein, sondern dient auch der Einführung in die drei Rechtsgebiete. Die betreffenden Einführungen dürften auch dem Referendar in der Strafstation von Nutzen sein. Die Einführungen dienen auch der zeitknappen, wiederholenden Lektüre vor dem Examen, insbesondere der mündlichen Prüfung.

Insbesondere das Jugendstrafrecht gerät in regelmäßigen Abständen in die rechtspolitische Diskussion, nicht zuletzt durch Gewalt an Schulen, ausufernde Jugendkriminalität und Verwahrlosungstendenzen in bestimmten Milieaus.  Sehr präzise wird in der Kürze der Darstellung die zentrale Norm des § 105 JGG erläutert und das Jugendstrafverfahren dargestellt. Vielschichtig ist das jugendstrafrechtliche Sanktionensystem, dass - unter Wahrung des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes - voll auszuschöpfen, ein pädagogisches Anliegen des Gesetzgebers an die Rechtspflege ist. Ähnlich gut informiert wird der Leser über die elementaren Grundlagen des Strafvollzugsrechts.

Zu allen drei Teilrechtsgebieten finden sich je sieben Fälle, die die Vielschichtigkeit dieser Bereiche zeigen, aber auch die Lernbarkeit ihrer Strukturen. Sehr schön ist der "studentische Beratungsfall" Nr. 4 zur Kriminologie, der sich mit den kriminologischen Folgen des Anzeigeverhaltens befasst. Fall 6 befasst sich mit der strafzumessungsrechtlichen Relevanz kriminologischer Theorien anhand einer Beratung im Rahmen einer "kleinen Strafkammer" (Richter und zwei Schöffen). Im Jugendstrafrecht kommt natürlich der Ladendiebstahl zur Sprache (Fall 1). Der Fall führt tief in die strafprozessualen Besonderheiten des Jugendstrafrechts. Die gestellten Fälle sind allesamt auch von den Lebenssachverhalten interessant und spiegeln die Realität wieder, mit der Rechtspraktiker im Jugendstrafrecht regelmäßig konfrontiert sind. Im Strafvollzugsrecht kommt als Fall 1 der gegenwärtig hochaktuelle "Knasturlaub" eines wegen dreifachen Mordes Vorbestraften zur Sprache. Eine derartige Fallauswahl trägt erheblich zur Rationalisierung der Diskussion unter angehenden Juristen bei. Überhaupt ist die Auswahl der Fälle insgesamt hervorragend und überaus praxisnah. Auch das wiederum sehr aktuelle Thema "Flucht" kommt selbstredend zur Sprache.

Besonders interessant für Examenskandidaten ist der letzte Teil des Buches, der jeweils drei - erheblich  überarbeitete - Prüfungsgespräche zu den drei Teilrechtsgebieten enthält, die einen Eindruck geben, was in der mündlichen Prüfung im allgemeinen verlangt werden kann und das ist bekanntlich nicht wenig. Insofern ist dieser Teil sehr dazu geeignet, Examensängste abzubauen, von denen sich ohnehin fast niemand ganz frei machen kann. Sehr nützlich zur Vertiefung ist das Literaturverzeichnis.

Wer die Wahlfachgruppe "Strafrechtspflege" gewählt hat oder sich sonst für diese Bereiche als Student oder Referendar interessiert, sollte dieses ausgezeichnete Buch unbedingt lesen, denn es klärt die Anforderungen an eine Falllösung in den drei genannten Bereichen, die in der deduktiven Lehrbuchliteratur meist offen bleiben.