Rechtssoziologie im Überblick

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Ralf Hansen

Rechtssoziologie als

“Erfahrungswissenschaft vom Recht”

 Eine Rezension zu:

 Manfred Rehbinder

Rechtssoziologie

5. Aufl., München: C.H. Beck, 2003, 286 S., 24,80 Euro

Reihe: Juristische Kurzlehrbücher

ISBN 3-406-51226-7

 http://www.beck.de

 

I.

 

Rechtssoziologie ist die Erforschung der sozialen Wirklichkeit des Rechts. Das Lehrbuch gibt eine einführende Darstellung der verschiedenen Erkenntnisinteressen, Forschungsperspektiven, Anwendungsbereiche der Rechtssoziologe. Der theoretische Ansatz in der “Tradition” Theodor Geigers scheint allerdings durch das gesamte Werk hindurch. Konkurrierende rechtssoziologische Theorieansätze führen zu einer anderen Sicht der Dinge, widerstreitende Auffassungen werden aber wenig berücksichtigt, so daß es sich um einen Abriß der Rechtssoziologie aus der Sicht eines Ansatzes handelt, der insbesondere der Rechtssoziologie Theodor Geigers verpflichtet ist. Das Werk wirkt weniger wie ein Lehrbuch im traditionellen Sinne, denn wie ein interessanter Essay aus der Perspektive eines herausragenden Vertreters seines Faches, der von seinem favorisierten theoretischen Ansatz her die Probleme der Rechtssoziologie anschneidet, vorstellt und damit vermutlich auch zu Kritik und Widerspruch herausfordern will. 

 

II.

 

In der juristischen Praxis spielt Rechtssoziologie in erster Linie als Normwirkungsforschung eine Rolle. Nicht wenige Normen verweisen auf Rechtstatsachen, die zu ihrer Auslegung herangezogen werden müssen, wenn rein normative Argumentationen nicht sinnvoll sind. Rehbinder weist der Rechtssoziologie maßgebliche Aufgaben im Bereich der Unterstützung der Rechtsprechung bei der Sachverhaltsermittlung und Normfindung zu, bei der Stellung von Effektivitätsprognosen im Bereich der Rechtspolitik, die überdies mit soziologischer Unterstützung legitimiert wird und thematisiert eingehend die erkenntnistheoretischen Grenzen einer soziologischen Jurisprudenz, die er als empirische Wissenschaft versteht, jedoch ohne Rückgriff auf normative Konstruktionen nicht auskommt. Die Perspektive verschiebt sich regelmäßig, wenn Rechtssoziologie von der Soziologie und nicht von der Rechtswissenschaft her betrieben wird, wie sich etwa anhand der Systemsoziologie Niklas Luhmanns  oder der Soziologie der Moderne eines Richard Münch zeigen ließe. Der juristische Praktiker mit soziologischen Interessen wird sich insbesondere für die Ausführungen zur Normfindung interessieren. Da eine stattliche Anzahl von Rechtsnormen auf außerrechtliche Verhaltensmuster, wie etwa Treu und Glauben oder die Sittenwidrigkeit verweisen, stellt sich die Frage nach der Nutzbarmachung soziologischer Erkenntnisse für die juristische Entscheidungsfindung. Rehbinder spricht hier - im Anschluß an seinen Lehrer Geiger - von “legislatorischer Autorisation”. Damit ist etwa die Auslegungsproblematik bei Generalklauseln aufgeworfen, die auf außerrechtliche Maßstäbe - wie die “guten Sitten” verweisen. Rehbinder greift aus der Fülle von Problemen das Problem der Bestimmung der guten Sitten als dem “Rechtsgefühl aller billig und gerecht Denkenden” heraus. Eine Formel, die - deutlich von einigen Digestenstellen geprägt - rechtsphilosophisch auf das Gerechtigkeitsproblem verkürzt werden kann, da Billigkeit nur eine Ausprägung der Gerechtigkeit ist und das Prinzip der Angemessenheit bei der Rechtsfindung bezeichnet. Die entscheidende Frage ist aber, ob es nicht gelingen kann, derartige Maßstäbe normativ zu entwickeln, in dem im Rückgriff auf die Wertungen der Verfassung ein Rechtsbegriff des Sittenmaßstabes entwickelt wird. Dies wird selbst dann nicht gelingen, wenn man den “Wertnihilismus” Rehbinders (im Anschluß an Geiger) nicht teilt, so daß auch die Jurisprudenz auf empirische Argumente zurückgreifen muß. Rehbinder ist aber zuzustimmen, daß die Heranziehung von empirisch gewonnenen soziologischen Erkenntnissen auch in rechtsförmigen Verfahren fruchtbar zu machen ist, wenn der Prozeß eine entsprechende Dimension hat, da der Beweis regelmäßig nur über Gutachten angetreten werden kann. Etwa bei der Feststellung der Verkehrsgeltung einer nicht registrierten Marke oder eines Unternehmenskennzeichens ist dies oftmals der Fall. Die zahlreiche Heranziehung von Beispielen aus dem Wirtschaftsrecht kann bei einem ausgewiesenen Kenner des Wirtschaftsrechts nicht verwundern (s. etwa, Rehbinder, Urheberrecht, 10. Aufl., München: Beck, 1999). Da jede Rechtsanwendung Klarheit über den Lebenssachverhalt um den es jeweils geht voraussetzt, kann Jurisprudenz ohne Rechtssoziologie nicht ernsthaft auf wissenschaftlichem Niveau auch der Rechtsanwendung betrieben werden. 

 

III.

 

Rehbinder knüpft den soziologischen Rechtsbegriff mit Max Weber am Handeln des Rechtsstabes an, definiert damit Recht als Reaktion der gesellschaftlich berufenen Rechtsanwender gegen Verstöße, läßt dabei aber das Problem der Prävention von Verstößen weitgehend außer Acht. Die Zwangstheorie Max Webers, dessen Grundannahmen weitgehend referiert werden, wird plausibel zur Reaktionstheorie erweitert. Rechtssoziologie kann ohne Kenntnis des Werkes von Max Weber nicht ernsthaft betrieben werden. Die Ausdifferenzierung eines Rechtsstabes als einer professionellen gesellschaftlichen Funktionseinheit erlaubt erst eine zuverlässige Trennung von Recht und (Rechts-) Moral, die Rehbinder als “Sittengesetz” bezeichnet, dessen Verbindlichkeit unter den Bedingungen einer pluralistischen Kultur verlorengegangen ist. Gerichte sind im Rahmen dieses Paradigmas nichts anderes als “Umschaltstationen der soziologischen in die juristische Geltung”. Die Rückbindung der Geltung an die Legitimation des Rechts - ebenfalls in Anlehnung an Max Weber - muß allerdings Anleihen an die sonst verworfene Anerkennungstheorie Eugen Ehrlichs machen und bleibt angesichts der originären Erzeugung von Recht im Rechtssystem als einem operativ geschlossenen System eigentümlich verschwommen: “Soziale Macht wird also zu Recht transponiert, d.h. Machtausübung wird legal, wenn ein zur Anwendung und Durchsetzung von Normen berufener Spezialstab das dafür vorgeschriebene Verfahren einhält (Legalität von Instanz und Verfahren) und dies als solches von der Gruppe nicht insgesamt in Frage gestellt wird (Legitimität). Konsequent von seinem Ansatz her vertritt Rehbinder eine vollständige Trennung von Recht und Moral, da eine pluralistische Gesellschaft über moralische Normen nicht mehr sozial integriert werden kann, so daß Recht auf ein soziales Machtphänomen reduziert wird, dessen Normativität auf faktischen Setzungen beruht, deren Legitimationsquelle und - Form gegenüber es indifferent bleibt.

 

Anhand der Grundkategorien “Status” und “Kontrakt” entfaltet Rehbinder maßgebliche Grundbegriffe der Rechtssoziologie und verdeutlicht den Übergang zur “Kontraktsgesellschaft” anhand des Code Civil, der erstmals die liberalen Prinzipien der Kontraktskultur in Reinform enthielt. Diese Ausführungen zeigen auch die enge Verknüpfung rechtssoziologischer Forschung mit Geschichtswissenschaft, Politikwissenschaft und Philosophie. Allerdings konnte der Typus der Vertragsgerechtigkeit nicht aus sich heraus gesellschaftliche Stabilität in einer von Disparitäten gekennzeichneten Gesellschaftsformation des 19. Jahrhunderts herstellen. Rehbinder bricht eine Lanze für die zu Unrecht verfemten “Kathedersozialisten” und reflektiert den Klassencharakter der Gesellschaftsformation des 19. Jahrhunderts. Aufgrund der Ausdifferenzierung des modernen Sozialstaats zur Kompensation gesellschaftlicher Unterschiede im sozialen Status thematisiert Rehbinder die von einigen Rechtssoziologen unter falschen Vorzeichen angenommene Rückkehr des Statusrechts, die im Kern übersieht, daß es sich um demokratisch gesetztes Recht zwecks Stabilisierung der sozialen Sicherheit handelt, die nur mit staatlichen Mitteln herstellbar ist, nachdem die “gottgewollte” Ordo im Vollzug der kopernikanischen Wende endgültig durch die Konstitution der Moderne in einer nachmetaphysischen “Ordnung der Dinge” verlassen worden ist. Äußerst lesenswert sind die Ausführungen über die Bedeutung der soziologischen Rollentheorie für die Rechtssoziologie unter Abkehr von einem institutionensoziologischen Denken (für das insbesondere die Namen Gehlen und Schelsky stehen), der einzigen Stelle übrigens an der sich Rehbinder ausdrücklich - kritisch - auf Gehlen bezieht: “Das Recht des Sozialstaates nun sieht den Menschen in seiner sozialen Gebundenheit, nimmt die Regelung seiner Rechtsverhältnisse wieder in größerem Ausmaße selbst in Angriff und versucht dabei, je nach der Stellung des Menschen im Sozialsystem zu differenzieren. Ein Rechtstyp, der in dieser Weise nach der sozialen Position des Menschen differenziert ist ein Recht, das in sozialen Rollen denkt” (Rdnr.78 a.E.). Rolle wird dabei definiert, als Summe aller Verhaltensregeln, die dem Inhaber einer sozialen Position von der Gesellschaft aufgegeben werden, sie definieren den Habitus in einem sozialen Feld, in dem die gesellschaftlichen Gruppen, um das jeweilige Regulationsmodell unter Einsatz von Macht konkurrieren. Mit der Entwicklung der gesellschaftlichen Dynamik wandeln sich auch die Rollen. Rehbinder entfaltet einen rollentheoretischen Begriff von sozialer Freiheit, der sich etwas an Gehlen anlehnt: “Die Freiheit des Einzelnen besteht heute also weniger in einer Freiheit der Rollengestaltung als in einer Freiheit der Rollenwahl”. Irving Goffmann sprach in einem handlungstheoretischen Kontext von “dramaturgischen Handeln”. Ob der rollentheoretische Ansatz nicht kritisch in einen handlungs- oder gar systemtheoretischen Rahmen aufzunehmen ist, wird leider nicht näher entfaltet, obwohl die soziologische Grundlagendiskussion der Gegenwart von dieser Frage erheblich geprägt wird.

 

IV.

 

Die Rechtssoziologie Rehbinders nimmt den Wandel des liberalen bürgerlichen Rechtsstaates zu einem sozialstaatlich materialisierten Rechtsstaat zum Anlaß die Entwicklungstendenzen des Rechts der Gegenwartsgesellschaft kritisch zu analysieren. Der räumlichen Tendenz zur Rechtsvereinheitlichung unter dem Eindruck von Globalisierungstendenzen steht allerdings eine deutliche Gegenbewegung der Partikularisierung entgegen, ohne sich diesem Sog allerdings entziehen zu können. Die Rechtssoziologie wird dazu in Zukunft Elemente einer “Soziologie der Globalisierung” in sich aufnehmen müssen, da sich mit der Globalisierung auch ihr Gegenstand - das Recht - mit dem Wandel der Kommunikationsstrukturen verändert. Die Entwicklung verlangt die Bildung größerer Funktionseinheiten, wie etwa dem Rechtssytem der Europäischen Union. Größere organisatorische Einheiten setzen aber immer die Entwicklung eines höheren Typus von Verfahrensrationalität voraus. Rehbinder macht aus seiner Präferenz für die Sachrechtsvereinheitlichung gegen föderale Tendenzen keinen Hehl und warnt geradezu davor, mit einer weiten Auslegung des europarechtlichen Subsidiaritätsprinzips die Vorteile der europäischen Rechtsverheitlichung zu verspielen, die allerdings durchaus demokratietheoretische Defizite aufweist. Rehbinder weist zu Recht darauf hin, daß die formale Rechtsgleichheit der bürgerlichen Gesellschaft nicht die gegenwärtig viel diskutierte Gleichheit der Startchancen bewirkt hat und faktische Ungleichheit mit Hilfe des Rechts nach dem liberalen Modell verstärkt worden ist. Er sieht die soziale Friedensfunktion des Rechts der Gegenwart nicht zuletzt darin, soziale Sicherheit anhand des Maßstabes einer unvollkommenen Gleichheit (wenigstens der Startchancen) herzustellen und prognostiziert eine ungebrochene Tendenz zur “Sozialisierung des Rechts”, in deren Vollzug die Rechtsgeltung zunehmend nach der sozialen Rollen des Adressaten differenziert wird, in der das betroffene Subjekt - je  nach Kontext - durchaus verschiedene Rollen gleichzeitig einnehmen kann und damit nicht etwa der Status entscheidet. Die Möglich der Einnahme verschiedener Rollen legt aber nahe, die rollentheoretische Perspektive um handlungs- und systemtheoretische Elemente wenigstens zu erweitern.

 

Das Bild wäre unvollkommen würde der Verfasser nicht auch das Problem der “Verrechtlichung” in die Darstellung einbeziehen, die er im wesentlichen nur unter dem Aspekt des quantitativen Normenwachstums anschneidet, die er allerdings nicht unter dem Verdikt eines Niedergangs, eines Verfalls interpretiert wissen will, sondern insbesondere unter dem Aspekt sozialer Differenzierung und gesellschaftlicher Segmentierung darin eine freiheitsentbindende Funktion entdeckt, die es dem einzelnen Individuum erlaubt, aus der Bevormundung durch die Gesellschaft immer weiter entlassen zu werden. Erfreulicherweise wird der Modererscheinung neoliberaler Politikparadigmen eine Absage erteilt und auf die Erfolge des sozialstaatlich materialisierten Rechtsstaates hingewiesen: “Der Traum vom >schlanken Staat< ist juristische Romantik” (Rdnr.90). Dies ändert aber nichts daran, daß sich mit den gesellschaftlichen Veränderungen auch der Staat verändern muß und zivilgesellschaftliche Autonomie staatlicher Regulierung - wo möglich - vorgehen muß. Insoweit haben die Tendenzen zur Deregulierung, Entbürokratisierung und Privatisierung auch einen guten Sinn zur Steigerung individueller Autonomie, die aber zum “Absterben des Staates” nicht führen kann, auch wenn der Nationalstaat sich mit der funktionalen Ausdifferenzierung supranationaler Steuerungseinheiten selbst verändert. Mit diesen Veränderungen ändert sich aber gleichzeitig auch die rollenspezifisch ausdifferenzierte Steuerungsfunktion staatlich gesetzten Rechts und damit seine verhaltenssteuernde Funktion, die Rehbinder eingehend untersucht. Ein Rückkehr zum “Modell Deutschland” unter den Bedingungen einer Globalisierung primär der Kommunikationsformen kann es nicht geben.

 

V.

 

Rechtssicherheit beruht auf der regulativen Kraft des Rechts, das in reziproken Rollenverknüpfungen verankert sein muß, auf Dauer gestellt ist, die sozialen Kommunikation innerhalb der Rollenzuweisungen definiert und zu einem angemessenen Ausgleich der Interessen führt. Es fragt sich allerdings, ob die Rollen nicht erst durch die verschiedenen Formen der Kommunikation zugewiesen werden. Akzeptiert man diese rollentheoretische Fundierung wirft das Kriterium der Dauer innerhalb eines Paradigmas der ständigen Rechtsreform Fragen auf, die zu einer schnellen Ablösung von Rechtsstrukturen führt, das mit der globalen Kommunikation zunehmend virtueller wird. Mit der Entwicklung vom Buch zur Schrift wird Recht in Zukunft mehr und mehr nur noch hypertextuell greifbar, nicht ohne Folgen für den Geltungsbegriff. Die Probleme eines “postmodernen” Rechts haben in der Darstellung allerdings noch keinen Niederschlag gefunden. Recht muß effektiv sein, aber warum wird es eigentlich (jedenfalls im Regelfall) freiwillig befolgt? Rehbinder untersucht auch diese Fragen und beantwortet sie im wesentlichen im Rahmen einer psychosozialen Theorie der Rechtsbefolgung, für die er auch den Ansatz der neoklassischen Grenzkostenberechnung fruchtbar macht, allerdings maßgeblich auf Identifikation mit dem Recht und Internalisierung des Rechts abstellt. Ganze Rechtsbereiche, wie etwa das Straßenverkehrsrecht werfen indessen die Folge auf, ob nicht die Regelverletzung längst die Regel geworden ist und sich die betreffenden sozialen Interaktionen im ständigen Rechtsbruch “stabilisieren”. Ein Problem, das sich über - aussichtslose - Kenntnissteigerung in einem nachlassenden Rechtsbewußtsein kaum mehr lösen läßt, die auch das sog. “Rechtsethos” zunehmend entwertet, nachdem die Zivilgesellschaft einen deutlichen Hang zur Selbststeuerung entwickelt hat, mit delegitimierenden Funktionen für die Staatlichkeit. Wie Rehbinder - in engem Anschluß an Theodor Geiger auch hier - ausführt, dringt das Recht erst über Entscheidungen des Rechtsstabes zum Bürger vor, aktualisiert und konkretisiert sich damit am Fall in der Anwendung, wie am Beispiel des § 1 UWG erläutert wird, einer Norm, deren Voraussetzungen der rechtsunkundige Bürger aus dem gesetzliche fixierten Tatbestand nicht herauslesen kann.

 

VI.

 

Leider wird die Funktion einer medial ausgesteuerten, demokratischen Öffentlichkeit nur ansatzweise thematisiert, liegt doch hier der Schlüssel zur Legitimierung von Recht und Politik in Gegenwart und Zukunft. Was wir heute über die Gesellschaft wissen, erfahren wir nahezu ausschließlich über Massenmedien. Zwar werden die Ansätze zur Justiz -, Verwaltungs - und Gesetzgebungssoziologie eingehend vorgestellt. Sie wären jedoch um eine Soziologie der Interdepenzen von Massenmedien und Rechtssystem zu ergänzen. Ansatzweise versucht dies Rehbinder in einem hochinteressanten letzten Abschnitt des Buches über die sog. “Stimmungsdemokratie” (nach einem Begriff von Theodor Geiger), in der der Staat zur “Beute” der classe politique werden soll. Die Annahme einer “Staatskrise” der Herstellung der (ver-) “öffentlich(t)en Meinung” geht ebenfalls auf Geiger zurück, übersieht aber insoweit die auch vorhandenen Vorteile eines Politikmarketings, ohne das Aufmerksamkeit heute nicht mehr erregt werden kann, nachdem die Reizüberflutungen der Massenmedien die Sinne haben abstumpfen lassen. Ein Zurück zu einem status quo ante ist angesichts der evolutionären Funktion der funktionalen Differenzierung nicht mehr möglich. Ein solcher Ansatz wäre hoffnungslos romantizistisch. Wer die Formen der heutigen “Fernsehdemokratie” abwertet, müßte jedoch erklären, wie anders die politischen Inhalte noch transportiert werden können, wobei allerdings das Internet durchaus Chancen für die Herausbildung autonomer Öffentlichkeiten jenseits vermachteter Medienstrukturen bietet, aber selbst in einem Vermachtungsprozeß begriffen ist, dessen Ergebnis offen ist. Dies läuft auf die von Pierre Bourdieu aufgeworfene Frage hinaus, ob man das Fernsehen, im Fernsehen kritisieren kann. Die einfache Negation der “Fernsehdemokratie” läuft jedoch auf eine einfache Manipulationsthese hinaus. Tatsächlich untergraben die Massenmedien ihre geschaffenen Legitimationen ständig, indem sie mit ihren eigenen Operationen den ständigen Widerspruch ihrer konstativen und performativen Textkomponenten reproduzieren und die Rezipienten um diesen Widerspruch auch wissen, da dieses Wissen mit dem Widerspruch ständig im System der Massenkommunikation erzeugt wird, über dessen Codierung in Information/Nichtinformation die Durchlässigkeit des Filters der Vermachtung der medialen Strukturen entscheidet.  

     

Die Ausführungen, die sich zur Analyse der Funktion des Sozialstaats im Recht der Gegenwart teilweise in Widerspruch setzen, gipfeln im Vorschlag einer “Demokratietherapie”, die insbesondere versucht die Methoden des Politikmarketing als demokratieschädlich zu brandmarken. Werbung deklariert jedoch immer auch ihre Motive, über die schlechthin nicht getäuscht werden kann, indem sie versucht, die Motive des Umworbenen unkenntlich zu machen und damit mit der Identifikation bereits Differenz erzeugt. Kern der sog. “Stimmungsdemokratie” ist nach dem Ansatz Geigers eine “Wertgemeinschaft”, in der jeder Teilnehmer seine Werte als allgemeingültig hypostasiert. Ein Argumentationstopos, der in fataler Weise an Carl Schmitts Wort von der “Tyrannei der Werte” (in, Nehmen, Teilen, Weiden) erinnert. Kompromisse werden dann als Wertverrat betrachtet. Dagegen spricht bereits, daß normsetzende politische Entscheidungen im korporatistischen Bundesstaat und in der “Demokratie der Gesellschaft” nahezu stets auf Kompromißbildung beruhen. Eine Perspektive, die sich auf der Ebene der EU deutlich fortsetzt. Die Probleme liegen in der Rückbindung der institutionalisierten politischen Diskurse an den zivilgesellschaftlichen politischen Diskurs, wie er durch vermachtete Medienstrukturen vermittelt wird, die aber keineswegs jeglicher “Wahrberichterstattung” entbehren, zumal die Entbindung autonomer Teilöffentlichkeiten nach wie vor möglich ist. Diese Diagnose setzen Geiger/Rehbinder nach Feststellung des Verlustes der gesellschaftlichen “Kleingruppen” (die aber bereits im späten Mittelalter eingesetzt haben dürften) durch die Evolution großer Einheiten eine Anpassungsstrategie durch effiziente gesellschaftliche Rationalität entgegen, ohne allerdings die verfahrensmäßigen Voraussetzungen anzugeben. Die von ihnen konstatierte strikte Trennung in die Sphären des Öffentlichen und Privaten ist aber unübersehbar in einem Prozeß der Entdifferenzierung begriffen, die einer Tendenz der Veröffentlichung des Privaten Raum gibt, die den Verlust an Intimität als solchen kaum mehr spürbar macht. Übersehen wird dabei, daß die Evolution größerer Einheiten durch funktionale Differenzierung auch eine erhebliche freiheitsentbindende Funktion hat, die auf prozedural verfestigte Kommunikationen angewiesen ist, um demokratische Entscheidungen vorzubereiten, die es verhindern könnten, den Staat zur Beute der politischen Klasse zu machen, der es nicht gelingt ihren Diskurs von zivilgesellschaftlichen Diskursen “abzuschotten”. Statt dessen schlagen Geiger/Rehbinder einen Erziehungsprozeß vor, der die Frage aufwirft, wer die Gesellschaft zur “Gefühlsaskese” und zum “intellektuellen Humanismus” erziehen soll, wenn sich der zu Erziehende nicht selbst erziehen soll. Es handelt sich um die alte Frage, ob nur eine ihrer selbst wieder mächtig gewordene Aufklärung es vermöchte, die Grenzen der Aufklärung zu durchbrechen. Die “Politik der Gesellschaft” kann nur im System selbst verändert werden, da die Hoffnung auf den “großen Lehrer” illusorisch ist und in einem Rückfall in charismatische und damit autoritäre Legitimationsmuster enden könnte. Versatzstücke der Gesellschaftstheorie Gehlens (und einer bestimmten Lesart des Spätwerkes von Nietzsche) sind in dieser Diagnose unverkennbar, die letztlich darauf setzt, daß die abendländische Kultur einen “neuen Menschen” schafft, der als hochentwickelter, intellektueller Daseinstyp der demokratischen Massengesellschaft gewachsen ist, indem seine Existenzweise nicht durch eine permanente “Sorge um sich” und die anderen, sondern durch Ermöglichung einer autonomen Meinungsbildung nach Wegfall von Autorität und Tradition durch “Wertabstinenz” und “Gefühlsaskese” in einem Leben jenseits aller Metaphysik gekennzeichnet ist, in der jede Emotion in Kleingruppen verwiesen wird, die scheinbar in den großen Einheiten denn doch irgendwie überleben. Der nicht ganz neue Therapieansatz heißt “Ideologiekritik”. In Kenntnis der Dialektik jeder Form von Aufklärung ein fragwürdiger Ansatz, der kaum geeignet ist, die Herausbildung von Pathos in Großgruppen, wie der Fiktion von ethnisch homogenen “Nationen” zu vermeiden, sofern es nicht gelingt, die Wertbildung in politischen Diskursen zu klären, statt “Werte” aller Art - wie Geiger - zu Illusionen zu erklären und damit einen neuen “Leitwert” zu schaffen. Im Ergebnis wird damit das Leitbild des Wertnihilismus zum maßgeblichen “Wert” einer demokratischen Kultur als alleiniger Rettung vor dem sonst unweigerlichen Verfall, “Jenseits von Gut und Böse”. Ob unverhüllte Interessenpolitik das Ende des “Gesinnungsterrors” markiert, scheint überaus fraglich. Durchgängige “Intellektualisierung” kann auch in einer Gesellschaft der Kälte enden, die alle Errungenschaft der okzidentalen Rationalität im Irrationalismus der “Wertlosigkeit” verabschiedet. So sehr die abschließenden Äußerungen von Rehbinder zum Widerspruch herausfordern, so sehr machen sie aber auch nachdenklich und sensibilisieren den Leser für Diagnosen einer Krise von Demokratie und Gesellschaft im 21. Jahrhundert.

Die Neuauflage verdichtet und erweitert die bisherige Darstellung unter Aufarbeitung aktueller Entwicklungen und Tendenzen. Als Einführung in die Rechtssoziologie bietet dieser Band letztlich einen Überblick zu den Forschungstendenzen der Gegenwart.