Ralf Hansen

Mit Wilhelm Busch zur Klausurentechnik im Zivilrecht

 Eine Rezension zu:

 Michael Martinek

Grundlagen-Fälle zum BGB

- Die Wilhelm-Busch-Fälle-

 München: C.H. Beck, JuS-Schriftenreihe, Band 144, 279 S., DM 32,-

ISBN 3-406- 46418-1

 http://www.beck.de

Die Fallsammlung enthält in leicht veränderter und sorgfältig überarbeiteter Form 25 Fälle, die sämtlich seit 1986 im JuS-Lernbogen veröffentlicht worden sind. Sie greifen Gestalten und Szenen aus Werken von Wilhelm Busch auf, jenem Dichter, der die gar nicht lustigen “Erwachsenengesichten” vom “Struvelpeter” und von “Max und Moritz” geschrieben und der durchaus zu Unrecht von der Literaturgeschichte als “Spaßvogel” mehr oder weniger als ernsthafter Autor ignoriert wird. Busch war aber nicht nur Autor, sondern auch Zeichner, Maler und Karikaturist. Da die Zeichnungen nach Ablauf aller denkbaren Urheberrechte inzwischen gemeinfrei geworden sind, hat Martinek die Darstellung um zahlreiche Zeichnungen angereichert, was ein wenig Auflockerung in die “trockene” Materie bringen soll. Damit dürfte wohl erstmals eine Verbindung von Kunst, Literatur und juristischem Lehrwerk angestrebt worden sein. Wer die Fälle aus der JuS kennt, weiß das es sich nicht um leichte Kost handelt. Leichte Kost wird zudem im Examen auch nicht geboten. Im juristischen Staatsexamen kommt es denn auch primär auf die Beherrschung der Fallösungstechnik an. Entsprechend verknüpft der Verfasser mit der - im übrigen ausgezeichneten - Fallsammlung fünf Anliegen: Die Übung der Rechtsanwendung, die Vermittlung der Klausurentechnik, die Überprüfung und die Vertiefung der grundlegenden Rechtskenntnisse. Zudem will sie den Studenten den “Geist des BGB näher bringen, so dieser “Geist” nicht aus dem Text längst entwichen ist und Zeichen übriggeblieben sind, die auf Zeichen verweisen, wie eine poststrukturale Texttheorie es verkürzt ausdrücken würde. Überdies soll nicht zuletzt auch eine Freude am Recht, auch am Klausurenschreiben vermittelt werden, die nicht zuletzt durch Einübung in eine souveräne Handhabung der Technik Ängste abbauen helfen soll. Dabei gehen die Musterlösung weit über das hinaus, was sogar von einer 18 - Punkte - Klausur zu erwarten wäre. Immerhin hat der Sachverhaltsersteller dem Klausurenschreiber voraus, daß er Sachverhalt und Musterlösung auf dem “Reißbrett” erstellen konnte. Die Lösungsvorschläge verfolgen daher eher ein pädagogisches Anliegen. Jurisprudenz läßt sich eben nicht nur aus Lehrbüchern lernen, sondern bedarf stets der Einübung am Fall. Das Studium von Fallösungen muß stets neben die Lektüre von Lehrbüchern treten. Nicht zuletzt eine der Ursachen, warum bestimmte Repetitorienskripte hohe Auflagen erleben, die eben dies in einer Darstellung verbinden und damit insbesondere auf eine rationale Zeitökonomik der Studenten setzen. Martinek sieht alle diese Probleme, auch der Bewertungsaspekte durchaus: Bedenken Sie im übrigen folgendes: Der Eindruck ist übermächtig, daß unser Bewertungsraster für juristische Prüfungen mit den Punkten von 0 bis 18 in den obersten Bereichen nicht frei von einer utopischen Komponente ist, wenn man sieht, wie außerordentlich selten in Prüfungsarbeiten 18, 17 oder auch nur 16 Punkte erzielt, bzw. vergeben werden. Und diese utopische Komponente hat eine pädagogische Funktion. Den Geprüften und den Prüfern soll bewußt gemacht werden, wie schwer erreichbar die Ideale und Ziele des Rechts, Frieden und Gerechtigkeit, für uns sind. Wir alle müssen meist mit Annäherungswerten zufrieden sein”. Dies mag so sein, jedoch hat noch keiner utopischen Komponente ein guter Schuß Realismus Schaden zugefügt, zumal Unmögliches nicht verlangt werden sollte, wie wir seit Celsus wissen.

Was diese Fallsammlung von anderen Fallsammlungen abhebt ist die Strategie der Darstellung im JuS-Lernbogen nicht nur Sachverhalt und Lösung zu präsentieren, sondern auch eingehende gutachterliche Überlegungen anzustellen, die den Student zur Lösung hinführen. Damit ist diese Fallsammlung eine ausgezeichnete Klausurenschule auf höchsten Niveau, weitgehend auf dem Anspruchsaufbau beruhend (Wer will, was, vom wem, woraus?). Allerdings werden auch “atypische” Klausuren gestellt, die nicht dem Anspruchsaufbau huldigen, wie der Fall 2 zur Wirksamkeit einer Kündigung im Mietrecht, der historisch aufzubauen ist. Es ist überaus sinnvoll - auch mit Blick auf die Anforderungen des Referendariats - neben dem Nutzen, auch die Grenzen des Anspruchsaufbaues zu vermitteln, zumal Dauerschuldverhältnisse für die Rechtspraxis einen hohen Stellenwert besitzen. Damit vermittelt das Buch auch materielles Wissen, bezogen auf einen konkreten Fall. Jeder Fall ist zudem mit einem Lerntest “angereichert”, der bestens geeignet ist, sein Wissen zu überprüfen. Die behandelten Materien sind breit gestreut. Gezielt wird auch gezeigt, wie man Skizzen zur Erfassung des Sachverhaltes einsetzt. Sollten mehr als zwei Personen im Spiel sein, es zudem noch um diverse Daten gehen, sollte die Skizze obligatorisch sein. Einen besonderen Schwerpunkt stellen zudem Fälle aus dem Leistungsstörungsrecht dar, wie etwa der schöne Fall “Meister Müllers Mehlsäcke”, der einige sehr interessante Probleme im Bereich des § 300 BGB und der Drittschadensliquidation behandelt, wunderbar garniert mit jeder bekannten Zeichnung, die zeigt, wie Meister Müller Max und Moritz aus dem Müllersack in den Mühlengang kippt - fürwahr kein schöner Tod! Kaum noch steigerbar ist der Schwierigkeitsgrad bei Fall 8, “Klecksels Verschwörung beim Schimmelwirt”, der Rechtsfragen der Unmöglichkeit beim Kauf im Dreiecksverhältnis anschneidet.

Wegen der noch heute lesenswerten Kontroverse mit Jauernig sehr bekannt geworden ist der Fall “Mickefetts schöner Wiesengrund”, der ohne eingehende Beherrschung des Abstraktionsprinzips nicht lösbar. Auch Selbstkontrahierungsverbot und Minderjährigenschutz bei Erwerb eines lediglich rechtlichen Vorteils durch notariell beurkundete Schenkung. Nicht weniger brisant ist der Fall “Adelens einfältige Tauschgeschäfte”, der ebenfalls Probleme des Abstraktionsprinzips im Blick hat und die schönen Fragen der “Doppelwirkungen im Recht” aufwirft, die Kipp uns hinterlassen hat. Inbegriffen sind aber auch Fälle mit wertpapierrechtlichem und sachenrechtlichem Einschlag, bzw. Schwerpunkt, wie der Fall 23, der Konkurrenzfragen im Verhältnis EBV und Bereicherungsrecht zum Gegenstand hat. Noch recht frisch sind die Fälle 24, die erst noch in den nächsten Heften der JuS veröffentlicht werden, so daß wohl erstmals das Buch schneller ist, als die Zeitschrift.

Eine überaus lehrreiche und lesenswerte Fallsammlung, die es erlaubt sich die notwendige Klausurenpraxis für die unteren und mittleren Semester anzueignen, die aber noch dem Examenskandidaten für die “Auffrischung” überaus hilfreich sein kann.